
Die Farbe, die dich findet
Manchmal weiß eine Farbe etwas, bevor wir es wissen.
Es gibt Tage, da greifen wir ganz selbstverständlich nach einer bestimmten Farbe.
Ohne darüber nachzudenken.
Vielleicht nach einem tiefen Blau.
Vielleicht nach einem warmen Gelb.
Vielleicht nach Rot, obwohl wir sonst nie Rot wählen.
Und manchmal wissen wir selbst nicht genau, warum.
Wir sagen:
„Die gefällt mir.“
Und damit könnte die Sache eigentlich schon beendet sein.
Oder wir bleiben noch einen Moment.
Schauen.
Spüren.
Und fragen uns:
Was ist es eigentlich, das mich gerade an dieser Farbe berührt?
Wenn wir nicht mehr nach der richtigen Antwort suchen
Im Alltag sind wir es gewohnt, Entscheidungen mit dem Kopf zu treffen.
Was ist sinnvoll?
Was ist vernünftig?
Was wird erwartet?
Was passt?
Wir vergleichen, wägen ab und versuchen, möglichst gute Entscheidungen zu treffen.
Auch mit uns selbst machen wir das oft.
Wir überlegen, was wir fühlen sollten.
Was jetzt richtig wäre.
Wie wir uns verhalten müssten.
Und manchmal wird es dabei ziemlich laut in uns.
Dann kann es wohltuend sein, einmal einen anderen Weg zu nehmen.
Nicht über die nächste Antwort.
Sondern über das Wahrnehmen.
Über eine Farbe.
Eine Form.
Eine Bewegung.
Ein Material, das sich unter den Händen verändert.
Farbe muss nichts erklären
Wenn ich mit Menschen kreativ arbeite, geht es nicht darum, ein schönes Bild zu malen.
Und auch nicht darum, eine Farbe richtig zu deuten.
Ein Blau bedeutet nicht für jeden Menschen dasselbe.
Ein Rot hat keine festgelegte Botschaft.
Ein Bild muss keinen geheimen Schlüssel enthalten, den jemand von außen entschlüsseln kann.
Es gehört dir.
Du entscheidest, was darin sichtbar wird.
Vielleicht erinnert dich eine Farbe an einen Ort.
Vielleicht an einen Menschen.
Vielleicht an eine Zeit, die längst vorbei ist.
Vielleicht weißt du überhaupt nicht, warum du sie gewählt hast.
Auch das ist in Ordnung.
Manchmal muss etwas nicht sofort verstanden werden, um wichtig zu sein.
Was sich zeigt, wenn wir weniger machen
Ich mag diese Momente, in denen Menschen beim Malen plötzlich langsamer werden.
Der Blick geht auf das Blatt.
Die Hand bewegt sich.
Eine Farbe kommt dazu.
Dann eine zweite.
Vielleicht wird etwas übermalt.
Vielleicht bleibt eine Stelle ganz frei.
Und irgendwann verändert sich etwas.
Nicht unbedingt im Bild.
Vielleicht eher im Menschen davor.
Die Schultern werden weicher.
Der Atem ruhiger.
Ein Gedanke wird klarer.
Eine Erinnerung taucht auf.
Oder eine Frage, die vorher gar nicht da war.
Das Faszinierende daran ist für mich nicht, dass ein Bild eine Antwort liefert.
Sondern dass wir uns selbst manchmal anders begegnen, wenn wir nicht ständig versuchen, etwas herauszufinden.
Vielleicht darfst du heute einfach wählen
Wenn du Lust hast, probiere es einmal aus.
Nimm ein Blatt Papier.
Lege ein paar Farben vor dich.
Und dann wähle nicht die schönste.
Nicht die passendste.
Nicht die, die gerade zu deiner Wohnung passt.
Sondern die, zu der es dich im ersten Moment zieht.
Und dann male damit.
Ohne Plan.
Ohne Motiv.
Ohne Anspruch.
Vielleicht nur eine Linie.
Vielleicht eine Fläche.
Vielleicht ganz viel Farbe.
Und wenn du fertig bist, schau dein Bild einen Moment an.
Nicht um es zu beurteilen.
Sondern um ihm zu begegnen.
Was fällt dir auf?
Was zieht deinen Blick an?
Was möchtest du näher betrachten?
Und gibt es etwas, das du vielleicht gar nicht erwartet hast?
Du musst daraus keine Erkenntnis machen.
Vielleicht bleibt es einfach ein Bild.
Und vielleicht erzählt es dir irgendwann etwas.
Einen anderen Zugang zu sich selbst finden
Genau das interessiert mich an kreativen Methoden.
Sie geben uns die Möglichkeit, uns selbst nicht nur über Worte zu begegnen.
Manchmal wissen wir etwas längst.
Aber wir können es noch nicht sagen.
Dann kann ein Bild einen Anfang machen.
Eine Bewegung.
Ein Stück Ton zwischen den Händen.
Eine Farbe.
Und manchmal ist es gerade dieses Nicht-Wissen, das einen neuen Zugang eröffnet.
Nicht alles, was in uns lebt, muss sofort erklärt werden.
Manches darf zunächst einfach da sein.
Eine Farbe.
Ein Gefühl.
Ein Bild.
Eine Ahnung.
Und vielleicht ist genau darin schon etwas von dem enthalten, was wir gerade brauchen.
Vielleicht musst du nicht immer nach der richtigen Farbe suchen.
Vielleicht darfst du manchmal einfach schauen, welche dich findet.
